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Publikationen
16. März 2026

Hat der deutsche Mittelstand noch eine ernsthafte Chance?

Im Rahmen unserer losen Reihe „Perspektiven für den Mittelstand“ spricht Manuel Giese, Managing Partner der Concentro, über die globale Wettbewerbssituation, den neuen chinesischen Fünfjahresplan und die strategischen Konsequenzen für den deutschen Mittelstand.

Viele sprechen davon, dass der deutsche Mittelstand unter Druck steht. Hat er Ihrer Meinung nach noch eine ernsthafte Chance?

Manuel Giese | Concentro Managing Partner Ja – aber nur, wenn wir verstehen, worum es im internationalen Wettbewerb tatsächlich geht. Während wir uns in Europa häufig mit kurzfristigen Krisennarrativen wie Bürokratie, Energiepreisen oder geopolitischen Mikrothemen beschäftigen, arbeitet China seit Jahrzehnten an den eigentlichen Wachstumstreibern: Human Capital, Know-how, Supply Chain Tiefe und Innovation. Dieses langfristige, konsequente Vorgehen – kulturell verwurzelt bei Konfuzius – bildet den Kern ihres wirtschaftlichen Erfolgs. Wer den aktuellen 5-Jahresplan 2026-30 von Beginn dieses Monats noch nicht gelesen hat – oder bis dato keinen der Fünfjahrespläne jemals inspiziert hat – sollte diese rasch nachholen.

Was genau am neuen Fünfjahresplan 2026–2030 sollte deutsche Unternehmen alarmieren?

Manuel Giese "Der neue Plan setzt nahtlos fort, was China bereits in den letzten 15 Jahren verfolgt hat – eine Strategie, die man zugespitzt als „Vorsprung durch Technik“ beschreiben könnte. China will technologische Vorherrschaft erreichen, und zwar mit bemerkenswerter Konsequenz.

Die zentralen Schwerpunkte sind:

  • Technologische Autarkie
    Fokus auf Halbleiter, KI, Robotik, Quantencomputing und 6G – mit dem klaren Ziel, Abhängigkeiten vom Westen abzubauen.

  • Industrielle Modernisierung
    Automatisierung klassischer Industrien wie Maschinenbau, Metall, Textil – ergänzt durch massiven Ausbau in Luft- und Raumfahrt sowie der Drohnenwirtschaft.

  • Dual-Circulation-Strategie
    Stärkung des Binnenmarktes bei gleichzeitigem aggressivem globalem Engagement.

  • Führung in grünen Technologien
    E-Mobilität, erneuerbare Energien, Wasserstoff, Kernfusion – unterlegt mit einem CO₂-Reduktionsziel von 17 % pro BIP-Einheit bis 2030.

  • Digitale Dominanz
    Die Digitalwirtschaft soll 12,5 % des BIP erreichen.

  • Sicherheit und Verteidigung
    Sehr klar formulierte Ziele zur militärischen und ressourcentechnischen Unabhängigkeit.

Für eine Exportnation wie Deutschland und Technologie-Provider (ehemals „Weltmeister“) sollte das nicht nur aufhorchen lassen, sondern mindestens ein Funkeln in die Auge treiben und den Hunger auf Erfolg durch echte Innovation - echte Probleme des Kunden zu positiv aggressiven Preisen im internationalen Wettbewerb lösen - wieder aufkeimen lassen!"

Wo trifft dieser „zweite China-Schock“ den deutschen Mittelstand besonders?

Manuel Giese Der VDMA stellt zum Beispiel fest „… chinesische Anbieter sind nicht mehr nur die preislich attraktivere Alternative, sondern technologisch ernstzunehmende Wettbewerber…" - primär in Robotik, KI und Maschinenbau. Der BDI erwartet ergänzend, dass „…künftiger Marktzugang (noch) stärker an lokale Produktion und Forschung in China geknüpft wird…“.

Wer sollte damit ab sofort besonders kritisch Denken, Lenken und Leisten:

  • Maschinenbau und Automatisierungstechnik
    Chinesische Stars überholen im Standard - der Vorsprung bei Sondermaschinen schmilzt

  • Automobil(zuliefer)industrie
    Das deutsche (OEM) Absatzvolumen wird aufm absehbare Zeit weiter schrumpfen oder sich im bestenfalls auf niedrigem Niveau verteidigen

  • Chemie und Werkstoffe
    Chinesische Alternativen gefährdet Lizenz- und Zuliefermodelle

  • Elektr(on)ische Infrastruktur (Smart) Grid, Kommunikation u.v.m.
    Deutschland droht abhängig zu werden

Viele Unternehmen sagen, Bürokratie oder Energiepolitik seien schuld. Teilen Sie diese Sicht? Und was bedeutet das nun für uns als (satte) Demokratie und für unseren wirtschaftlichen Eckpfeiler „German Mittelstand“?

Manuel Giese Nur bedingt. Natürlich belasten politische Rahmenbedingungen. Aber: Innovation und Leistungsfähigkeit entstehen ausschließlich im Unternehmen – im Team konkreter MitarbeiterInnen zusammen mit konkreter Führung auf Basis konkreter gemeinsamer Ideen – und eben nicht extern, d. h. aus Gesellschaft und Politik.
Wer nicht an der Spitze innoviert, wird mittelfristig gefressen. Punkt. Das hat nichts oder nur wenig mit „Bürokratie“, „Energiewende“ oder gar „Politik“ zu tun.

Was sollten Mittelständler jetzt konkret tun?

Manuel Giese Was meiner Meinung nach jetzt zählt:

  • direkt sowie indirekte China-Abhängigkeiten entlang der eigenen Supply-Chain kartieren

  • Technologie-/Innovations-Profil konsequent in Richtung echter Differenzierung/Angriff schärfen

  • Finanzierungs- und Transaktions-Strategien an das sich weiter verändernde Ökosystem anpassen

Der globale Wettlauf hat sich nochmal beschleunigt. Wer jetzt nicht konsequent in Technologie, Geschwindigkeit und Innovationskraft investiert, wird es schwer haben, seine Position zu halten. Wir brauchen wieder mehr Hunger, mehr Mut und mehr Fokus auf das, was wir historisch am besten konnten: Komplexe Probleme besser lösen als andere – und das zu international wettbewerbsfähigen Preisen.

Welche Gedanken oder Erfahrungen haben Sie zu diesem Thema? Wir freuen uns über Ihre Perspektive – denn es geht um das Herzstück unserer Wirtschaft: den deutschen Mittelstand. Fundiertes Know-how, weitreichende Analysen, interessante Perspektiven und natürlich Raum für Diskussionen gibt es in unserer Reihe BrainyBreakfast.

Concentro

Die Concentro Management AG ist eine auf den Mittelstand fokussierte Beratung mit 45+ Mitarbeitern und 4 Standorten.

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